Tapereading, wie funktioniert das?

Ursprung des Tape-Reading

Tape-Reading ist das Herzstück des kurzfristigen Tradings. Unabhängig von den gewählten Zeiträumen wird stets die Kursbewegung mit dem aufgewendeten Handelsvolumen analysiert.
Der erste, der das Tape-Reading systematisiert hat war Richard D. Wyckoff (1873-1934). Die Techniken sind sehr alt und uneingeschränkt immer noch gültig.

Wyckoff hat Tape-Reading definiert als die Kunst der Bestimmung des sofortigen Preis-Trends.
Eine modernere Version ist die Volume-Spread-Analysis (VSA). Die VSA wurde durch Tom Williams mit seinem Buch „Master the Markets“ einem breiteren Publikum bekannt. Oberflächlich betrachtet ist die VSA jedoch nichts anderes als die optische Umsetzung des alten Tape-Readings.
Egal, ob man VSA oder Tape-Reading bevorzugt. Beide Varianten haben ihre volle Gültigkeit über Jahrzehnte bewiesen und werden sie auch in Zukunft beweisen. Denn sie beruhen auf dem allgemeingültigen Prinzip des Angebots und der Nachfrage im Markt.

Das alte Tape benutzt kein Trader mehr in der Praxis, da die Kurse viel besser übermittelt und dargestellt werden können. Damals waren Tape-Reader die wahren Daytrader. Alle getroffenen Handelsentscheidungen basierten auf den Ticker. Das, was die alten Tape-Reader gesehen haben, war nur der Kurs und das Handelsvolumen auf einem Ticker-Band – mehr nicht. Keine Charts oder sonstige technische Hilfsmittel standen realtime zur Verfügung. Natürlich wurden auch damals schon Charts von Hand gezeichnet, jedoch lediglich zur Vorbereitung auf den Handelstag. Die Tape-Reader saßen stundenlang in voller Konzentration vor dem Ticker und versuchten, den zukünftigen Handelsverlauf zu prognostizieren. Ziel war es immer, das Volumen sowie den dahinter stehenden Geldfluss zu interpretieren – also nichts anderes als die Analyse von Angebot und Nachfrage.

234x60

Grundmuster des Tape-Readings

Die aufgezeigten Muster sind nahezu idealtypisch dargestellt. In der Realität sind natürlich viele kleine Variationen möglich. Zur optischen Vereinfachung zeigen die Grundmuster keinen Eröffnungs- oder Schlusskurs. Folglich soll der Kursbalken nur den Abstand zwischen Hoch und Tief repräsentieren.
Die Aufstellung der Grundmuster ist nicht vollständig. Theoretisch müsste die gesamte Palette der Muster aus der Candlestick-Analyse dazu gezählt werden. Denn jede Candlestick-Formation erhält eine, mit dem passenden Volumen unterlegt, höhere Aussagefähigkeit. Des weiteren kann man die Grundmuster auch auf die klassischen technischen Muster, wie z.B. Kopf-Schulter, Flaggen, Wimpel usw. ausdehnen. Eine vollständige Aufstellung sprengt jedoch den Rahmen dieses Beitrags.

Innerhalb der Analyse können 4 Volumen-Situationen auftreten:

hohes Volumen + große Candle à Fortsetzung
hohes Volumen + kleine Candle à Umkehrpotential
niedriges Volumen + große Candle à Umkehrpotential
niedriges Volumen + kleine Candle à Fortsetzung

Die 4 Volumen-Situationen sind Bestandteil der Grundmuster und dienen der detaillierten Analyse von Candle zu Candle.
Nachfolgend sind nur Muster für den Long-Einstieg aufgezeigt. Das jeweilige umgedrehte Kursmuster gilt für das Short-Signal. Das Volumenmuster ist identisch.

Beginn des Wendepunktes

Das Beispiel zeigt einen typischen Wendepunkt unter hohem Volumen. Bei den ersten beiden Balken sieht man noch das gewisse Interesse an fallenden Kursen. Hierbei fällt der Kurs unter leicht steigendem Volumen. Der dritte Balken offenbart jedoch die erste Abwärtsschwäche. Der Kurs fällt unter schwächeren Volumen. Beim vierten Balken treffen viele Marktteilnehmer aufeinander. Das hohe Volumen und die geringe Spanne zwischen Hoch und Tief zeigt den potentiellen Umkehrpunkt.
Der weitere Verlauf der Kurse ist nicht vorbestimmt. Es kann sowohl zu einem starken Kaufdrang kommen, als auch zu einer aufwärtsgerichteten, kurzfristigen Verschnaufpause. Nach der Verschnaufpause wären dann tiefere Kurse fällig.

TapeReading1a-Wendepkt-bullish

 

 

Die Volumenumkehr

Merkmal der Volumenumkehr ist, dass die 3 Balken, die die Spitze des Musters ausmachen, sehr starkes Volumen führen. Es muss über dem Durchschnitt liegen. Zu beachten ist der dritte Balken vor dem Top und der fünfte Balken, der den Willen zur Umkehr einleitet. Meist markiert dieses Muster eine echte Umkehr. Das wichtigste Detail, ist das überdurchschnittliche Volumen in den aufwärtsgerichteten Balken. Die Volumenumkehr ist schnell und weist große Candles auf.

TapeReading11-Bull-VolumenUmkehr

 

 

Bullishe-Konsolidierung

Die Bullishe-Konsolidierung ist vom Kursmuster ähnlich, wie eine Volumen-Umkehr. Der wichtigste Unterschied ist das Volumenverhalten. Die Bullishe-Konsoldierung zeichnet sich durch den volumenstarken Anstieg der Kurse aus. Nach der Bildung eines kurzfristigen Tops ergeben die fallenden Kurse eine undynamische Bewegung, die immer mehr an Volumen einbüßt. Die Volumenminderung ist das wichtigste Merkmal des Musters. Die Kurse kommen nicht allzu weit zurück. Die Fibonacci-Relationen 23% / 38% / 50% spiegeln den typischen Kursrückgang am besten wieder.
Betrachtet man die Volumenverhältnisse, dann ergibt sich bei 50%iger Volumenhöhe, ausgehend von dem maximalen Volumen, dass zum Top führte, auch eine praktische Einstiegshilfe. Wenn sich das Volumen ungefähr halbiert hat, dann ist soviel Entspannung im Markt eingetreten, dass der Markt bereit ist, den übergeordneten Trend wieder aufzunehmen.

TapeReading2-Bull-Konsolid

Die volumenschwache Umkehr

Das Wesen dieser Umkehr ist das fehlende Interesse des Marktes. Die Art dieser Umkehr schließt eine schnelle Kursreaktion praktisch aus. Die zeitliche Dauer ist dabei ebenfalls ein besonderes Merkmal. Die Lustlosigkeit der Marktteilnehmer ist unverkennbar am niedrigen unterdurchschnittlichen Volumen. Der Aufstieg der Kurse vollzieht sich langsam, wie ein strategisches “Einsammeln” der Aktien bzw. Kontrakte. Mit dem Ansteigen der Kurse, ergibt sich dann neues Interesse von Marktteilnehmern. Diese treiben den Kurs anschließend noch weiter in die Höhe. Am Tiefpunkt gibt es kleine und große Candles ohne Wirkung.

TapeReading12- Volumenschwache Umkehr

Volumentrend

Wie der Begriff andeutet, handelt es sich um einen Aufwärts- oder Abwärtstrend, wo die Trendrichtung durch das erhöhte Volumen bestätigt. Auffällig ist die langsame Bewegung im Verhältnis zu den typischen Ausbruchsmustern, die in der Regel sehr dynamisch verlaufen. Eine Candle-Analyse ist nicht einfach, da kleine Candles mit fast beliebiger Form einen starken Trendkanal bilden. Der Trendkanal und das Volumen definieren des Muster. Der Trendkanal ist immer schmal. Es ist praktisch unmöglich Wendepunkte zu diagnostizieren. Der volumengestützte Trend läuft sehr kontinuierlich, ohne deutliche Konsolidierungen.
Wenn Konsolidierungen auftreten, dann zeigt sich häufig ein Retracement von 23% oder 38%. Elliottwaver erkennen die impulsive Welle 3 in diesem Verlauf.
Das Grundmuster zeigt aufwärtsgerichtete Balken mit erhöhten Volumen und tiefere Balken mit geringen Volumen. In einem volumengestützten Trend versagen typische Oszillatoren wie CCI oder Stochastik. Sie bewegen sich ständig im Extrembereich, ohne dass es zu einer Umkehr kommt.

TapeReading4-Trend

 

Ausbruch aus eine Handespanne

Eines der wichtigsten technischen Muster ist das Ausbruchs-Muster. Das Volumen kann ein Hinweis auf das Chancenverhältnis geben. Die zu brechende Widerstandslinie wurde zuvor mit einem definierten Volumen gebildet. Diese Volumenhöhe kann man als Vergleichswert heranziehen. Die Chance wächst, dass der Ausbruch gelingt, wenn beim Durchschreiten der Widerstandslinie das Volumen um mindestens 10% höher liegt. Weiterhin ist es positiv, wenn eine deutliche Konsolidierung zuvor erfolgte. Aus dieser Entspannungsphase kann dann mit neuer Kraft ein Ausbruch versucht werden.
Umgekehrt gibt es eine erhöhte Trefferquote beim “Falsebreak”, wenn des Volumen beim Ausbruch um mindestens 10% vermindert ist.

 

TapeReading5-Break

Handelsspanne

Es ist das vorherrschende Volumenverhalten einer Konsolidierungsphase. Die Kurse pendeln in einer Handelsspanne. Sowohl Obergrenze als auch die Untergrenze zeigen Volumenspitzen, die den Kurs zum Abprallen bringen. Eine Besonderheit der Volumenspitzen ist die Verringerung der Volumenhöhe. Je länger die Konsolidierung andauert, desto weniger Volumen wird benötigt, um den eigentlichen Ausbruch nach oben oder nach unten zu erzeugen. Wenn man die Unterstützungs- und Widerstandszone als Mauer ansieht, dann wird mit jeder Berührung ein Teil aus der Mauer herausgebrochen. So dass mit der zeitlichen Fortdauer die Mauer bröckeliger wird. Am Schluss gibt es einen knackigen Durchbruch, der die Kurse in völlig neue Bereiche hineinstößt.

Bild11-ChristianLukas-TapeR-Handelsspanne2

 

 

Fazit zum Tape-Reading

Die hier vorgestellten Muster können niemals den Anspruch auf Vollständigkeit besitzen. Theoretisch gibt es unendlich viele Variationen. Und es soll auch nicht der Eindruck entstehen, dass das Tape-Reading die ultimative Technik ist, mit der jedermann erfolgreich sein kann. Es erfordert jede Menge Training, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das ist genau der Wettbewerbsvorteil den die Tape-Reader haben, denn die Mehrheit der Marktteilnehmer scheut den Arbeitsaufwand.

“Money is made in Tape Reading by anticipating what is coming – not by waiting till it happens and going with the crowd.”

Zitat von Richard D. Wyckoff von 1919 in “The Day Trader´s Bible”

3 Kommentare

  1. Schöner Artikel …
    Ich nutze einen VPA Indikator, der sehr wild ist.
    Mag lieber klare und aufgeräumte Charts … So kann ich jetzt wieder meinen alten Chart nutzen ohne VPA. Candle und Volume …

    WH

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.